Billhardt

Titel des Objekts: Leipziger Drahtstifte- und Drahtwarenfabrik Max [Hermann] Billhardt

Lokalisierung: Leipzig-Kleinzschocher: Ortsteil Plagwitz, Gemarkung Kleinzschocher; seit 1993: 04229 Leipzig, Plagwitz. Markranstädter Str. 4 (Stammgrundstück; Flurstück 443), eb. Nr. 6

Industriezweig/Branche/Kategorie – Kurzcharakteristik: metallverarbeitende Industrie/Gewerbe

Ursprüngliche Nutzung: Drahtstifte- und Drahtwarenfabrik

Heutige Nutzung der Hofgebäude Markranstädter Str. 4: das westliche Gebäude wird vom elipamanke e.V. genutzt, das östliche dient u.a. als Probenraum und ist teilsaniert (Buhl). Nr. 6: u.a. Fa. Otto Stempel & Druck, Thomas-Verlag und Druckerei.

Datierung: 1890-1967. Erster Adreßbucheintrag 1891, letzter eruierter Adreßbucheintrag 1949 als: ‚*Billhardt & Co. Draht- u. Eisenwaren-Großhandlung Sonderabt. Schuhbedarfs-Artikel‘. Andere Spezifikationen u.a.: Doppelkopf-Nägel, Gießerei-Bedarfsartikel.

Baukurzbeschreibung: Das Objekt Markranstädter Str. 4 besteht heute aus einem dreigeschossigem westlichen Gebäude mit weiteren nachgelagerten Baulichkeiten und einem schmalen, langgestreckten dreigeschossigen östlichen Gebäude zuseiten eines Hofes, dessen rückwärtige Seite baulich geschlossen ist. Das 1. OG des östlichen Baus ist über eine hofseits gelegene Treppe zugänglich und wird von einem schmalen Korridor mit einseitiger Raumflucht durchzogen; die straßenseitige Front ist mit Sanitäreinrichtungen ausgestattet. UG, EG, 2. OG waren Aug. 2018 dem Verf. nicht zugänglich. Der an der Markranstädter Str. stehende Kopfbau wurde 1908 von Georg Wommer (1878-1915), Ingenieur und Architekt aus gleichnamiger Fam., die 1870-1939 in Leipzig die Fleischerei-Maschinenfabrik Gebr. Wommer unterhielt, im sog. Reformstil projektiert. Das schlichte westliche Gebäude ist möglicherweise etwas älter, das 3. OG ist später hinzugefügt worden, wie die isometrische Darstellung auf einem Briefkopf der Firma vom 23.5.1942 (Staatsarchiv Leipzig). Das an der Markranstädter Str. (Nr. 6) stehende viergeschossige Gebäude (Büro) wurde um 1910 errichtet und steht noch heute mit dem westlichen Bau des benachbarten Grundstücks (Nr. 4) über einen Durchgang im in 1. OG in Verbindung.
Die Anlage hatte zusammen mit den Grundstücken Markranstädter Str. Nr. 6 und 8 Anschluß an die nördlich verlaufende Plagwitzer Industriebahn: nach Buhl Anschluß 12P38, nach Wikipedia PVII A 38. Einem Plan von 1900 nach hat die Drahtfabrik hingegen keinen solchen Zugang gehabt. Briefköpfe der Fa. wiederum enthalten bis in die 1950er Jahre den Hinweis: ‚Bahnstation: Plagwitz, Anschlußgleis 140‘.

Objektgröße: 12,90 ha (Markranstädter Str. 4). 1937 beschäftigte die Fa. 22 Arbeiter und Angestellte

Firmengeschichte: Die Firma ist 1890 gegründet, 1905 in eine GmbH überführt, 1924 in eine OHG (1929 Prokura Otto Sperhake) und im Todesjahr von Max Billhardt 1931 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt worden; die Kinder und ein Enkel wurden Kommanditisten. In dieser Form hat die Fa. bis zu ihrer Stillegung 1959, der Liquidation seit 1960 und ihrem Erlöschen 1967 bestanden. Seit den 1930er Jahren war der in die Familie eingeheiratete Otto Sperhake persönlich haftender Gesellschafter; die Abwicklung der Liquidation lag nach dessen Tod 1966 in den Händen von Rudolf Sperhake. Seit den späten 1930er Jahren hat es eine Firmenfiliale in Dresden gegeben, Gesellschafter war Fritz Hermann Arno Sachse, der Ehemann Billhardts Tochter Elisabeth Katharina. Im Krieg ist die Fabrik stark beschädigt worden; eine Karte von 1946 dokumentiert Kriegsschäden, nach einem Exposé von Otto Sperhake waren 1944 95% der Betriebsgebäude ausgebrannt. Noch 1956-1958 hatte sich dieser erfolglos um staatliche Unterstützung bzw. sogar Beteiligung bemüht, um daraus sowie aus der Preisanordnung 585 von 1957 entstehende Rückstände wettzumachen. Die Auflösung der Firma kompensierten die Betriebe VEB Ketten- u. Nagelwerke Weißenfels; VEB Draht- u. Nagelwerk Wilischthal sowie Niet- u. Nagelwerk Thale.
Nach Adressbüchern der Stadt Leipzig ist o.g. Betrieb als Leipziger Drahtstift- und Drahtwarenfabrik Max Billhardt zuerst 1891 nachweisbar; er befand sich zunächst in der Braustraße 6-7 (heute: Naumburger Straße), ab spätestens 1898 in der Markranstädter Str. 4. 1910 ist ‚Billhardt & Co. Eisen- u. Drahtwr.‘ eb. Nr. 6 ansässig, dort auch lt. der letzten eruierten Adressbucheintragung von 1949. Dieses Grundstück war frühestens seit 1903 (nach Riedel) im Besitz v. Max Billhardt, der es von der Fa. Steinbach erwarb und dort ein Lager- u. Bürogebäude errichten ließ. Daß die Grundstücke Markranstädter Str. 4/6 bereits in den 1920er Jahren (Riedel) oder erst nach 1936 (Buhl) an die Fa. Eberspächer gelangten, konnte bislang nicht überprüft werden. Ein Briefbogen der Fa. Billhardt des Jahres 1936 west die Fa. als in der Markranstädter Str. 2-4 befindlich aus.
Nach einer Mitteilung von Otto Sperhake erfolgte seit Stillegung der Fabrik in den 1960er Jahren Verkauf und Vermietung von Firmeninventar u.a. an das VEB Blechverformungswerk, das 1966 das verbliebene, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fa. Weithas (nach 1950 VEB S.M. Kirow im TAKRAF) gelegene Gelände (Markranstädter Str. 4) erwarb. Die Gründstücke gelangten über den Unternehmer Manfred Rübesam an den heutigen (2018) Besitzer (CG-Gruppe).
Max Billhardt wohnte nach Adreßbüchern zunächst an verschiedenen Orten: Braustraße Nr. 2 (1892), 49 (1893), Weißenfeslser Str. 3 (1893/94), Markranstädter Str. 1 (1898). Nach einer amtlichen Mitteilung bewohnte er zumindest im Jahr 1929 die Villa in der Karl-Heine Str. 25.

Quellen/Literatur/Links:

  • Amtliche Unterlagen: Sächs. Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig: Handelsregisterakte 1905-1967 (Amtsgericht Leipzig Nr. 20124, HR 2250, 2 Teile), einschließlich Liquidierungsvorgang (u.a. Inventar). Weitere Nachweise der Fa.: Hans Rückert, Leipziger Wirtschafts-Handbuch, Bd. 3: Die Unternehmgen: Gerichtlich eingetragene Firmen u. Genossenschaften: Handelskammer Leipzig: 1930. Landesamt für Denkmalpflege: Objektdokumentation, Denkmalkarte. Grundbuch (für Markranstädter Str. 4): Leipzig-Kleinzschocher Bd. XI Bl. 626 S. 409. ‚Exposé über die letzten 10 Jahre der Leipziger Drahtstift-Fabrik Max Billhardt, Leipzig W31‘ von Otto Sperhake vom 19.4.1960: Sächs. Staatsarchiv Leipzig, Verkaufsurkunde 1966: ebenda
  • http://adressbuecher.sachsendigital.de/ abgerufen 25.4.18; http://www.adressbuecher.genealogy.net/ abgerufen 3/2018 (Leipziger A. 1949 m. Angabe Villa Karl-Heine-Straße)
  • Heinz Peter Brogiato: “Plagwitz – Das Erbe Karl Heines” in Landschaften in Deutschland Online: URL: http://landschaften-in-deutschland.de/exkursionen/78_E_513-plagwitz/, Stand 01.06.2015, abgerufen 4/2018; Erwähnung der Villa.
  • Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen II, bearb. von Heinrich Magirius et al., 1998, S. 600 (Fabrik, Architekt), Abschnitt zur K.-Heine-Str. S. 592 ohne Erwähnung der Villa
  • Kulturdenkmale im Freistaat Sachsen –Denkmaldokument Obj.-Dok.-Nr. 09261803, Landesamt für Denkmalpflege, Dresden, abgerufen 4/2018
  • Liste der technischen Denkmale in Leipzig, Wikipedia vom 1. 4. 2018, abgerufen 5/2018
  • http://www.leipzig-lexikon.de/ (enth. z.B. auch Auskünfte zu Straßennamen), abgerufen 25.4.18
  • Julia Susann Buhl, Studie zur Industriearchitektur in Leipzig Plagwitz 1870-1914 am Beispiel ausgewählter Bauten, Diss. TU Berlin, 2003. URL: http://edocs.tu-berlin.de/diss/2003/buhl_susann.pdf (kostenfrei zugänglich; abgerufen 5/2018). Zum Gleisanschluß ebenda S. 126, Abb. 63 (Eisenbahngleis- und Gleiskarte der Westendbaugesellschaft, 1924) sowie Wolfram Sturm, Eisenbahnzentrum Leipzig …, 2003, Abb. S. 31; vgl. Liste der Gleisanschlüsse des Bahnhofs Leipzig-Plagwitz, Wikipedia vom 13.2.18, abgerufen 5/2018: A38PVII
  • Horst Riedel, Plagwitz. Ein Leipziger Stadtteillexikon, Pro Leipzig, 2017, 48f., 86f. 156f. (Kriegsschäden), 178.

Autor: Richard Brüx

Datum: September 2018

Abbildungen: