Ludwig Hupfeld

Titel des Objekts:
Musik – mechanisch und manuell

Adresse:
Ludwig-Hupfeld-Straße 16, 04178 Leipzig

Stadtteil:
Böhlitz-Ehrenberg

Industriezweig/Branche/Kategorie:
Musikinstrumentenbau

Kurzcharakteristik:
Verwaltungs- und Produktionsgebäude

Datierung:
1911

Objektgröße:
ca. 100.000 m²

Ursprüngliche Nutzung:
Fabrik für mechanische Musikmöbel und Klaviere

Heutige Nutzung:
bis 2009 Sitz der Leipziger Pianofortefabrik, seitdem nur einzelne Einheiten vermietet

Bau- und Firmengeschichte:
Die Firma Ludwig Hupfeld wurde 1892 mit dem Ziel gegründet, mechanische Musikinstrumente herzustellen.

Diese waren Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr in Mode gekommen und so beschloss der Fuldaer Kaufmann Ludwig Hupfeld sich in diese Branche einzukaufen. Er erwirbt 1892 die in Leipzig gegründete Firma J.M. Grob & Co, welche bereits mechanische Musikinstrumente herstellte.
Schon zwei Jahre später (1894) entstehen die ersten Orchestrions aus Leipzig unter Hupfelds Namen. Die Töne werden durch eine geschickte Verknüpfung von Druck- und Saugluft erzeugt. Die Möbel sind entsprechend stattlich und wuchtig und wiegen mehrere 100 kg.
Trotzdem steigt die Nachfrage stetig und schon bald wird eine Werkstatt mit größerer Kapazität benötigt. 1899 entsteht Hupfelds erste eigene Fabrik, strategisch günstig in der Nähe des Berliner Bahnhofs gelegen.

Die Firma treibt die Verbesserung und Weiterentwicklung der selbstspielenden Musikinstrumente voran – allerdings weniger aus Erfindergeist denn aus kaufmännischem Kalkül. Hupfeld kauft 1902 die Firma Helioswerke aus Leipzig-Gohlis auf, deren technisch begabten Eigentümer Ludwig Frömsdorf er als Betriebsleiter einstellt. Dieser zeichnet verantwortlich für die Entwicklung der Phonola (selbstspielendes Klavier als Vorsetzer mit 73-88 Tönen!). 1904 folgt der Phonoliszt, ein ebenfalls selbstspielendes Klavier mit ‚künstlich nuanciertem Vortrag‘.
Der große Coup aber gelang Hupfeld 1909, als er die weltweit erste mechanische Violone auf den Markt brachte. Besonders in Kombination mit dem Phonoliszt (Ph.-Violina) war sie zwischen 1910 und 1914 ein echter Verkaufsschlager.

Die Auftragslage übersteigt wieder schnell die Produktionskapazitäten, sodass bereits 1911 der nächste Fabrikneubau notwendig wird. Erneut beweist Hupfeld Weitblick und bezieht ein ca. 100.000 m² großes Gelände am Kreuzungspunkt zweier Bahnstrecken in Böhlitz-Ehrenberg, damals vor den Toren der Stadt gelegen. Es entsteht das noch heute sichtbare Gebäude (Architekt Emil Franz Hänsel) mit dem 63 m hohen Turm, der zu dieser Zeit die Schriftzüge ‚Hupfeld‘ und ‚Phonola‘ trägt. Im Werk selbst sind ca. 1.500 Arbeiter beschäftigt. Hupfeld produziert vom Holzrahmen bis zu den Notenrollen alles selbst.

Das Geschäft prosperiert bis zum Beginn des 1. Weltkrieges und wird nach dessen Ende sofort wieder aufgenommen. In den Kriegsjahren dreht die Firma fast ausschließlich Granaten.
Hupfeld expandiert und kauft weitere Firmen hinzu: 1918 Rönisch (Dresden), 1920 Grunert (Johanngeorgenstadt) und 1924 Steck (Gotha). Im Jahr 1925 fusioniert er mit der Firma ‚Gebrüder Zimmermann AG‘ zur ‚Leipziger Pianoforte- und Phonolafabriken Hupfeld-Gebrüder Zimmermann AG‘, die mit mehr als 20.000 Instrumenten pro Jahr der größte Hersteller dieser Branche in Europa ist.

Das ist der vorläufige Höhepunkt des wirtschaftlichen Erfolgs, denn durch die Weltwirtschaftskrise 1929 und vor allem durch die sich etablierenden Rundfunksender besteht zunehmend weniger Bedarf an selbstspielenden Musikinstrumenten.
Die Firma verlegt ihre Schwerpunkte auf die neuen Mode-Produkte ‚Rundfunkempfänger‘ und ‚Plattenspieler‘ und erweitert das Sortiment noch um Kino-Orgeln, Kühlschränke und Zigarettenautomaten.
Daneben baute Hupfeld aber immer auch Klaviere zum Selbstspielen. Dieser Zweig wird 1930 in ein Nebenwerk ausgelagert.

Im 2. Weltkrieg wird wieder ausschließlich Kriegsware produziert (Munitionskisten, Treibstofftanks). Die Gebäude überstehen fast unbeschädigt den Krieg.

Danach beginnen unruhige Zeiten: 1946 Enteignung und Tilgung des Namens Hupfeld vom Turm, Beginn der Nachkriegsproduktion mit Marmeladeneimern, Sportgeräten und Möbeln, 1949 Tod Ludwig Hupfelds, ab 1953 auch wieder Bau (kleinerer) Klaviere, die u.a. nach einer Idee des einzigen Sohns Günter Hupfeld entstehen. 1964 Übergang zur Fließbandfertigung, 1967 Gründung der ‚VEB Deutsche Piano-Union‘ (13 Betriebe), deren Stammbetrieb Leipzig ist.
Da Klaviere begehrte Devisenbringer sind, gibt es von Seiten der Politik große Unterstützung. In den 1970er Jahren wird die Ware zu 2/3 ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) verkauft und nur 10% bleiben für die DDR-Bevölkerung.

Nach der Wende 1989 wird es etwas unübersichtlich. 1990 kommt es zur Auflösung des VEB Piano-Union und das Werk firmiert ab jetzt unter ‚Leipziger Pianoforte GmbH‘. Da die Preise aber – im Vergleich zu vorher – plötzlich Marktniveau haben, brechen fast alle Kunden weg. Noch 1990 kauft ein westdeutscher Unternehmensberater die Firma und betreibt sie bis zum Konkurs 1996 weiter.
Aus der Konkursmasse heraus erwirbt sie die Stuttgarter Klavierfirma Pfeiffer. Man montiert Klaviere der Marken Rönisch und Hupfeld; im Werk sind nur noch ca. 40 Mitarbeiter beschäftigt. Die Modellpalette wird aber stetig erweitert und bis zum Beginn der Finanzkrise 2008 in alle Teile der Welt verkauft. 2009 erfolgt der Zusammenschluss mit der ‚Julius Blüthner Pianofortefabrik GmbH‘, die ‚Carl Rönisch Pianofortemanufaktur GmbH‘ wird gegründet und zieht in die Blüthner-Fabrik in Großpösna. Die Produktion wird bis zum heutigen Tag erfolgreich fortgeführt.

Für originale Phonola-Instrumente gibt es heute einen weltweiten Sammlermarkt. Der Preis z.B. für ein Solophonola Upright Grand beträgt ca. 5.000 EUR.

Objektbeschreibung:
Eindrucksvolles 5-geschossiges Gebäude entlang der Ludwig-Hupfeld-Straße. Es weist einen U-förmigen Grundriss auf und wird markant überragt vom 63 m hohen Turm, der leider seit einiger Zeit aus Sicherheitsgründen mit einem grünen Netz gesichert ist. Der Schriftzug ‚Phonola‘ ist leider nicht mehr vorhanden.
Dafür kann man vor der ehemaligen Haupteingangstür (Wittestraße) im Pflaster des Fußweges das Logo „L.H. 1911″ erkennen sowie über der Hofdurchfahrt in der L.-Hupfeld-Straße den Schriftzug ‚Ludwig Hupfeld A.G.“ erahnen.

Quellen/Literatur/Links:
– Leipziger Blätter Heft 35, Herbst 1999, Seite 28-30
– Die Industriegeschichte von Böhlitz-Ehrenberg; Hrsg.: Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz-Ehrenberg e.V. / Werbeatelier Kolb, Böhlitz-Ehrenberg; 2002
http://hupfeld-pianos.de/en/Unternehmen/deutsch.htm (Abruf 04.04.2014)
http://www.pianola.org/reproducing/reproducing_dea.cfm (Abruf 18.05.2014)

Autor/in: Christine Scheel

Datum: Mai 2014

Abbildungen: