Mühle Stahmeln

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früher: Franz Lucke, Mühlenwerke
DDR: VEB Mühlenwerke Stahmeln
heute: Mühlenwerke Stahmeln GmbH

Adresse: Mühlenstraße 17, 04159 Leipzig

Stadtteil: Ortschaft Lützschena-Stahmeln

Industriezweig/Branche/Kategorie: Nahrungsgüterindustrie; Mühlenwerk

Datierung: 1893 – 2012

Objektgröße: zwei Hektar Werksgrundstück in Leipzig Stahmeln

Bau- und Firmengeschichte: Die Mühle in Stahmeln arbeitete als eine der letzten an der Weißen Elster, denn sie produzierte noch bis 2012. Erstmals wurde sie 1486 in einem Zinsregister erwähnt. 1647 brannte sie vollständig nieder, wurde wieder aufgebaut und mehrfach umgebaut. Beginnend 1661 sind die Namen ihrer Eigentümer bzw. Pächter bekannt. Hermann Bötiger, der am 27.03.1863 ihr alleiniger Eigentümer wurde, ließ sie nach dem erneuten Brand am 18.08.1875 wieder aufbauen. Dabei wurden anstelle des Wasserrades Turbinen eingebaut, geliefert von der Sächsischen Maschinenfabrik Chemnitz, und die meisten Mühlstein-Mahlgänge durch Walzenstühle ersetzt. 1893 kaufte Franz Lucke sen. (1857–1927) die Mühle und erweiterte sie schrittweise. Zum Betrieb der Mühle in Stahmeln sowohl bei Trockenheit als auch Hochwasser, wurde eine Dampfmaschine eingebaut, die Turbinen erneuert. 1896 wurde das zur Mühle gehörende Wohnhaus abgerissen und durch ein Kontorgebäude ersetzt, die neue Fabrikantenvilla in der Mühlenstraße 17 gebaut. Zur Mühle gehört auch das Obermüllerhaus Stahmelner Anger 19. Bis 1905 belieferte sie als Proviantmüllerei des Heeres in Leipzig die Garnison auf der Pleißenburg. Als der Militärfiskus eine eigene Mühle auf dem Kasernengelände in Gohlis bauen ließ war die Mühle in Stahmeln von ihren Lieferverpflichtungen befreit. Unter der Leitung von Franz Lucke wurde 1905 die Ausstattung der Mühle verbessert, indem man neue Walzenstühle, Siebmaschinen und Reinigungsanlagen einbaute.
1912 entschloss er sich, die Mühle abzureißen und einen Neubau zu beginnen. Die Planungs- und Bauarbeiten wurden von der Firma Max Woldemar Vogel aus Leipzig ausgeführt, die technische Ausrüstung der neuen Mühle mit Walzenstühlen, Plansichtern, Elevatoren und Putzmaschinen übertrug er der Amme, Giesecke & Konegen AG aus Braunschweig. Das Getreidesilo wurde vergrößert, der Mehlspeicher erweitert und die Maschinen mit elektrischen Einzelantrieben versehen. So entstand 1912 der größte Teil der Anlage.
Da im Ersten Weltkrieg die Reichsgetreidestelle die Lagerung großer Getreidemengen verlangte, wurde 1916/17 ein achtstöckiges 35m hohes Getreidesilo angebaut. Über die Nachkriegszeit mit der Inflation 1920/21 konnte der Betrieb erhalten werden. Unter der Leitung von Franz Lucke jun. wurden die technischen Anlagen ständig modernisiert. Auf einer Betongründung wurde 1934/35 ein 1500t fassendes sechsteiliges Stahlsilo errichtet, ergänzt durch Trocknungs- und Areginal-Vergasungsanlage nach damals neuestem Stand. So wurden die Verluste von Getreide durch Schimmel oder Schädlingsbefall vermieden. Die markante Form der Silos dominiert das gesamte Mühlenareal, ist eine Landmarke und Wahrzeichen von Stahmeln. Zur besseren Ausnutzung der Wasserkraft ließ Franz Lucke jun. die Ufer der Elster befestigen und den Flußlauf zwischen Stahmeln und Lützschena begradigen. Der Niveauunterschied des Wassers wurde so gehalten, dass die Turbinen immer die geplante Leistung brachten. Ständig war ein Baggerkahn auf dem Fluss unterwegs, förderte Schlamm und Sand zutage. Damit wurden die Lachen in Stahmeln verfüllt. Wiesen entstanden und die Mückenplage wurde vermindert.
In der NS-Zeit waren die Kunstmühlen-Werke Franz Lucke ein Nationalsozialistischer Musterbetrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie Lucke von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet. Die nun treuhänderisch verwalteten Mühlenwerke galten als zweitgrößter Mühlenbetrieb Sachsens und wurden als VEB Mühlenwerke Stahmeln weitergeführt. Mit der Grundinstandsetzung 1986 wurde sie auf einen guten technischen Stand gebracht, vergleichbar z.B. mit westdeutschen Mühlen. Jede der Turbinen des Wasserkraftwerks brachte 75kW Leistung, so dass 25 % des Energiebedarfs der Mühle gedeckt werden konnte, aber auch Strom ins öffentliche Netz abgegeben wurde. Durch den Einbau lärmreduzierter Abluftanlagen wurde die Lärmbelastung der Umgebung deutlich gesenkt.
Bis 1990 gehörte sie zu dem VE Kombinat Getreidewirtschaft Leipzig. Danach folgten die Umwandlung in eine GmbH und mehrfache Eigentümerwechsel. Im Jahre 1999 kam es zu einem Management Buy Out, die Mühle wurde mit dreißig Mitarbeitern weiter betrieben und erzielte im Jahre 1999 einen Umsatz von 16,8 Millionen D-Mark. Für das Jahr 2000 wurden etwa 20 Millionen D-Mark an Erlösen erwartet. Zu der Zeit vermahlten an jedem Tag erfahrene Müller 120t Weizen und 60t Roggen zu Standardmehlen aller Typen oder „Mehlen nach Maß“. Jährlich sind das 45.000t Elite- und A-Weizen und 6.000t Roggen bester Qualität, die von Betrieben im Umkreis von hundert Kilometern bezogen werden. Von 1992 bis 2012 haben die Eigentümer zehn Millionen Mark für Investitionen eingesetzt, davon zwei Drittel für die Modernisierung der Produktionsabläufe.
Am 16. September 2009 hatte die Gesellschafterversammlung zugestimmt, dass am 13. Juli 2009 die Heyl GmbH & Co. KG mit Sitz in Bad Langensalza die Mühlenwerke Stahmeln GmbH übernehmen kann. 2012 wurde die Produktion eingestellt, denn die Saxonia Mühlenwerke Leipzig-Stahmeln GmbH übernahm die Immobilie und wollte sie vermarkten.
Im Jahr 2016 erwarb die Firma GRK Holding das Objekt und begann mit dem Umbau zu einem Wohnhaus mit Miet- und Eigentumswohnugen. Jetzt verfügt der einzigartige Wohnkomplex über 4 Hauptgebäude sowie der Remise und dem Inselgebäude mit insgesamt 68 Wohnungen und 71 Stellplätzen. Die 2 bis 4 Raumwohnungen haben eine Wohnfläche zwischen 50m² bis 168m², Balkon, Loggia, Terrasse oder Wintergarten.

Objektbeschreibung: Das derzeit als Wohnanlage genutzte Ensemble steht auf einem zweieinhalb Hektar großen Grundstück und liegt nahe beim Naturschutzgebiet Leipziger Stadtforst, teilweise auf einer Insel zwischen der Weißen Elster und dem Elstermühlgraben.

Quellen/Literatur/Links:

Autor: Horst Pawlitzky, Frank Heyme

Datum: März 2020

Abbildungen: Horst Pawlitzky, Frank Heyme