Zeitzeugengespräch
Thomas Vogler, Jahrgang 1954, gehört zu einer Generation, die zwei völlig unterschiedliche Gesellschaftssysteme erlebt hat. Seine Lebensgeschichte ist geprägt von Arbeit, Gemeinschaft und tiefgreifenden Veränderungen.
„35 Jahre Sozialismus und 35 Jahre Kapitalismus – ich wollte beide Systeme vergleichen.“
Mit diesem Blick auf sein Leben verbindet er nicht nur persönliche Erfahrungen, sondern auch den Wunsch, diese weiterzugeben:
„Meiner Generation zeigen, was wir erlebt haben – und der jungen Generation, welchen Weg wir gegangen sind.“
Kindheit und Jugend in der DDR
Ich wurde am 19. Juli 1954 in Leipzig geboren und wuchs als einziges Kind in Böhlitz-Ehrenberg, der ehemals größten Industriegemeinde der DDR auf. Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter kaufmännische Angestellte. Meine Kindheit und Jugend verliefen typisch für die DDR – geprägt von Schule, Pionierorganisation und später der FDJ.
„Meine Kindheit war absolut positiv.“
1961 wurde ich eingeschult und besuchte die Polytechnische Oberschule, die ich mit dem Prädikat „Gut“ abschloss.
„Ohne Handy, ohne vieles von heute – dafür mit Gemeinschaft.“
„Dieses Soziale, diese Gemeinschaft – das hat mich geprägt.“
Fußball – Schule fürs Leben
Schon früh spielte Fußball eine wichtige Rolle in meinem Leben – sowohl in der Freizeit als auch im organisierten Sport.
„Alles war auf Fußball ausgerichtet.“
„Ich war immer im Kollektiv – das hat mich fürs Leben geprägt.“
„Man musste lernen, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen.“


Arbeitswelt in der DDR – harte Realität
1971 begann ich eine Lehre als Maschinen- und Anlagenmonteur mit Abitur im Drehmaschinenwerk Leipzig. Die Facharbeiterprüfung bestand ich 1973 mit „Gut“, 1974 schloss ich meine Ausbildung ab.
Wie viele junge Männer in der DDR leistete ich anschließend meinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee.
Mein Berufsleben war eng mit der Leipziger Industrie verbunden, insbesondere mit dem VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig. Dort arbeitete ich ab September1979 in verschiedenen Funktionen.
„Man brauchte kein Fitnessstudio – die Arbeit war das Training.“
„Es gab Arbeitsplätze, an denen man täglich sechs Tonnen Material bewegen musste. Daher kam der Begriff ‚‘Sacksche Knochenmühle‘ [Bezug zu Arbeitsbedingungen in der Firma Rudolf Sack, Anmerkung der Redaktion]“
„Lärm, Hitze, Metall – das vergisst man nicht.“
Parallel dazu qualifizierte ich mich weiter, unter anderem durch ein Abendstudium zum „Meister der volkseigenen Industrie“ sowie durch verschiedene Weiterbildungen, etwa im Bereich Schweißtechnik.


Westliches Ausland-Wahlen in der DDR
In seinem Buch „Die BBG, mein Leben“ berichtet Thomas Vogler Folgendes:
Ein in den achtziger Jahren geplanter Auslandseinsatz in Libyen erforderte in der DDR umfangreiche politische und persönliche Prüfungen. Vogler absolvierte dafür einen 14-tägigen Reisekaderlehrgang in Brandenburg, in dem Verhalten im kapitalistischen Ausland, politische Grundlagen der SED sowie Fragen der Außenpolitik vermittelt wurden. Zusätzlich musste er eine Tropentauglichkeitsuntersuchung bestehen und Englischkenntnisse nachweisen, um für Übersetzungen und internationale Kontakte vorbereitet zu sein.
Trotz positiver Bewertungen durch Betrieb und Lehrgang wurde seine Bewerbung schließlich abgelehnt. Ausschlaggebend war eine negative Entscheidung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), ohne dass konkrete Gründe genannt wurden. Später vermutete er politische Vorbehalte gegen seine Person. Besonders prägend war für ihn die Erfahrung rund um die DDR-Wahlen: Obwohl er nicht wählen gegangen war, stellte sich heraus, dass hinter seinem Namen bereits ein Kreuz auf der Teilnehmerliste gesetzt worden war. Diese Erfahrung verstärkte sein Misstrauen gegenüber dem politischen System und zeigte ihm die Manipulation angeblich geheimer Wahlen.
Die Stasiakte und die Ablehnung des Libyen-Einsatzes wurden für Vogler zu einem Symbol staatlicher Kontrolle und fehlender Transparenz in der DDR.


Zurück zum Interview: Gemeinschaft und Zusammenhalt
Der Betrieb war nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch sozialer Mittelpunkt. Auszeichnungen wie „Aktivist der sozialistischen Arbeit“ und gemeinsame Veranstaltungen prägten das Arbeitsleben.
„Es gab keine Konkurrenz – sondern Zusammenhalt.“
„Wir haben uns gegenseitig geholfen, ohne Neid.“
„Dieser soziale Zusammenhalt war entscheidend.“
Arbeitsalltag
Der harte Arbeitsalltag hinterließ Spuren – auch im Umgang damit.
„Alkohol gehörte im Betrieb irgendwie dazu.“
„Die Arbeit war so hart, dass man sich damit geholfen hat.“
Die Generation von Thomas Vogler war geprägt von einer starken Arbeitsmoral.
„Das waren echte Malocher – zwölf Stunden Arbeit waren normal.“
„Ohne zu jammern – das war einfach selbstverständlich.“
Die Wende – ein Einschnitt im Leben
Mit der politischen Wende 1989/90 veränderte sich die Situation grundlegend. Die volkseigenen Betriebe wurden in marktwirtschaftliche Unternehmen umgewandelt. Auch mein Betrieb!
„Man konnte nicht voraussehen, dass sich alles verändert.“
„Ich habe die Wende mit Hoffnung erlebt.“
Diese Zeit war von Unsicherheit geprägt: ausbleibende Zahlungen, neue Märkte und der Druck, wirtschaftlich zu bestehen. In dieser Phase engagierte ich mich als Betriebsratsvorsitzender und setzte mich für die Beschäftigten ein.
„Ich habe mich nie vor Herausforderungen gescheut.“
„Jede Entlassung war für mich ein persönliches Schicksal.“
„Wir haben immer versucht, sozial gerecht zu handeln.“

Neuanfang in der Marktwirtschaft
Gleichzeitig musste man sich persönlich neu orientieren. Ich übernahm neue Aufgaben im Unternehmen und arbeitete unter anderem als Gebietsverkaufsleiter. Dabei ging es nicht mehr nur um Produktion, sondern auch um Kunden, Märkte und Vertrieb – also um ganz neue Anforderungen im Vergleich zur DDR-Zeit.
Ein Beispiel dafür ist der Verkauf von Landtechnik, wie etwa Feldspritzen, die an landwirtschaftliche Betriebe ausgeliefert wurden. Diese Tätigkeit zeigt den Übergang von der planwirtschaftlichen Produktion hin zur marktwirtschaftlichen Organisation.
„Heute sehe ich vor allem den Unterschied im sozialen Aspekt.“
Privates Leben und Rückblick
1975 heiratete ich meine Frau Sylvia, 1976 wurde unser Sohn geboren. Rückblickend habe ich sowohl die DDR als auch die Zeit nach der Wende intensiv erlebt – zwei völlig unterschiedliche Systeme, die mein Leben und meinen Berufsweg stark geprägt haben.
„Unabhängig vom System, wer etwas erreichen will, muss sich bewegen und wer dies tut, kann in den meisten Fällen auch etwas erreichen. Gemeinsam sind wir stark!“
Meine Erfahrungen habe ich in meinem Buch „Die BBG, mein Leben“ festgehalten. Neben meiner beruflichen Tätigkeit blieb der Fußball über viele Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.
Lebenswerte
Am Ende meines Rückblicks stehen klare Werte: „F steht für Familie, Freunde, Fußball und Frieden.“ Dabei steht die Familie natürlich über allem, ohne Unterstützung der Familie wird es für den Einzelnen schwer, etwas zu erreichen.
Fazit
Die Lebensgeschichte von Thomas Vogler zeigt eindrucksvoll den Wandel von der DDR zur heutigen Gesellschaft. Sie erzählt von harter Arbeit, starkem Zusammenhalt und tiefgreifenden Veränderungen – aber auch von Werten, die über Systeme hinweg Bestand haben.
Quelle:
Thomas Vogler (2025): Die BBG, mein Leben. Erinnerungen aus zwei Systemen.
https://www.backroad-diaries.de/produkt/thomas-vogler-die-bbg-mein-leben/?lang=de
Autor: Silke Mayler
Datum: 18.05.2026
Silke Mayler und Susanne Pettau führten das Interview am 30.03.2026
Ein besonderer Dank gilt Thomas Vogler für das interessante Interview, die wertvollen Einblicke in die BBG sowie die Bereitstellung vielfältiger Materialen.





